In dieser Rubrik lassen euch Menschen aus Satzvey an ihren Erinnerung an das Satzveyer Dorfleben von damals teilhaben.
- Der Schulzahnarzt oder: „Auge um Auge“ | Otmar Egeler
- Fußballspielen in Satzvey: Mitte der 50er bis Anfang der 60er Jahre | Otmar Egeler
- Klapperkinder | Otmar Egeler
Der Schulzahnarzt oder: „Auge um Auge“ | Otmar Egeler
Meine Eltern sind mit mir 1955 in das neugebaute Haus nach Satzvey auf die Josefshöhe gezogen. Das klingt zwar einfach, aber es war (damals) mit einigen Komplikationen verbunden: Mein Vater hatte zwei Jahre zuvor ein Haus in Mechernich von der Witwe eines im Krieg gebliebenen Schwagers gekauft, aber wir durften es nicht beziehen. Das Problem für uns war: In dem betreffenden Haus wohnte ein „Spätheimkehrer“ – und diesen durfte man nicht so einfach „vor die Türe setzen“. Wir hatten demnach ein Haus und hatten es trotzdem nicht!
Ehe wir schließlich noch für ein Jahr nach Mechernich ziehen durften (ich war dort noch im Kindegarten) hatte mein Vater bereits mit dem Hausbau auf der Josefshöhe begonnen. Als Schwabe und gelernter Bäcker, den es nach dem Krieg in die Eifel „verschlagen“ hatte, hatte er durch meine Mutter, die einige Jahre bei der Familie Sporkenbach als Haushaltshilfe gearbeitet hat, in deren Firma eine Stelle als Grubenarbeiter erhalten. Also fuhr er morgens gegen 5:00 Uhr mit dem Fahrrad von Mechernich nach Satzvey, um dort (mit der Schippe) eigenhändig die Baugrube für unser Haus auszuheben. Um 8:00 Uhr begann die Arbeit in der Tongrube und nach Feierabend gegen 17:00 Uhr hat er noch zwei bis drei Stunden am Hausbau gearbeitet.
Anmerkung: Ich habe es ihm, (der leider bereits mit 68 Jahren gestorben ist, weil die deutsche Herzmedizin damals deutlich hinter dem westeuropäischen Standard zurücklag) leider nicht persönlich gesagt: Aber ich bin unheimlich stolz auf meinen Vater!!!
Und das nicht nur auf meinen Vater: Denn in der Zeit, in der wir in Mechernich gewohnt haben, haben mich meine reichen Nachbar Jungs (ihr Vater hatte eine Schreinerei) immer damit geneckt, dass sie mir anboten, mit ihrem Roller fahren zu dürfen – und wenn es soweit war – dann sagten sie mir nur: „Ätsch, angeschmiert!“ Nachdem meine Mutter das (auch nur ein einziges Mal) mitbekommen hat, hat sie solange im Wald Heidelbeeren gesammelt und auf dem Markt verkauft, bis sie das Geld zusammen hatte, um mir einen Roller zu kaufen. Mama, ich bin sehr, sehr stolz darauf, solche Eltern gehabt zu haben!!!
Anmerkung: Später, auf dem Gymnasium wurden wir zu Beginn eines jeden Schuljahres in Alphabetischer Reihenfolge immer nach unseren Daten befragt und ich habe mich vor meinen Klassenkameraden (Söhne von Ärzten, Fabrikanten, Direktoren, höheren Beamten etc.) geschämt, den Beruf meines Vaters als „Grubenarbeiter“ zu nennen. Heute würde ich mit Stolz darauf verweisen, dass ein Grubenarbeiter mir ein Studium ermöglicht hat, aber – wie so oft – nun ist es zu spät dieses persönlich auszusprechen; aber mit diesen Zeilen kann ich es wenigstens im Nachhinein zum Ausdruck bringen.
Wir waren 1955 nun (endlich) in Satzvey angekommen: Wir waren „Veyer Brödder“ (Satzveyer Bretter), wie wir Satzveyer z. T. auch heute noch in den angrenzenden Dörfern genannt werden, weil wir (zu Unrecht?) als stur und unverbiegbar gelten und es gab sogar den Spruch, dass niemand als echter Satzveyer anerkannt werde, bevor er nicht seit mindestens 25 Jahren im Dorf wohne…
Wir hatten diesbezüglich aber keine Probleme, denn zwei Schwestern meiner Mutter , die „echte“ Satzveyerinnen waren, wohnten im Ort und mein Vater war vom ersten Tag an ein aktives und sehr eifriges Mitglied des Männergesangsvereins Cäcilia, Satzvey und er durfte sogar als „Evangele“ bei feierlichen Hochämtern (zu Weihnachten und Ostern) den Frauenchor in der Kirche von der Orgel-Empore aus mit unterstützen. Und bei uns Kindern gab es ohnehin keinerlei Berührungsängste.
Anmerkung: Mein Vater hat sogar eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, anlässlich meiner Kinderkommunion zu konvertieren, aber als seine Kollegen ihn fragten: „Na, Gottlieb (ein echt schwäbischer Vorname), hast Du schon fleißig geübt und kannst Du schon das „Vater unser“ beten?“, gab er seinen Kollegen zur Antwort: „Ohne Martin Luther wäret ihr doch auch heute noch nicht in der Lage ein „Vater unser“ zu beten“ und damit war das Thema für ihn beendet!
Das äußere Bild des Ortes Satzvey, mit noch unbefestigten Straßen, wurde weitestgehend von der Tongrube der Firma Sporkenbach (die zu der Zeit viele Männer aus Satzvey und den umliegenden Dörfern beschäftigte) bestimmt.
Diese erstreckte sich im Osten ungefähr bis zum Transformatorenhäuschen über den „Acker“ zum Rand der Josefshöhe („Greuels Pol“) bis zur gesamten Baufläche „Drei Burgen Blick“). Und immer, wenn an der einen Seite ein Stück Boden abgebaggert wurde, wurde das „nicht mehr verwertbare“ Material wieder an einer anderen Seite angefüllt.

In der Grube selbst gab es einige (teilweise große) Bombentrichter; der größte davon war mit Wasser gefüllt. Das war unser „Pol“, in dem die meisten Kinder meiner Generation (nicht erlaubt, aber geduldet) das Schwimmen und Schlittschuhlaufen erlernt haben. Benötigten die Schlittschuhe einen neuen Schliff, dann wurden sie für ein „Vergelt’s Gott!“ von Willi Kessel, dem Schmiedemeister der Firma Sporkenbach , wieder „scharfgemacht“. Mein Vater gab mir (als Kollege von Herrn Kessel) dann immer eine Zigarre (Marke „Weiße Eule“) als Dankeschön mit – ob er sie tatsächlich geraucht hat, weiß ich nicht).
Die Infrastruktur des Ortes Satzvey war in den 50er Jahren – man will es heute kaum glauben – total anders als heute: Es gab zwei Metzgereien, die Metzgerei Breuer und Wolfgarten, wo wir Kinder gerne unsere Mütter beim Kauf begleiteten, denn als Kind bekam man eine Scheibe Wurst auf die Hand (Mutter: „Wie sagt man?“ – Kind: „Danke!“) und, wenn man viel Glück hatte, bekam man schon mal ein Stück vom Wurstanschnitt, das viel größer war, als die üblichen Scheiben. Es gab vier Lebensmittelgeschäfte (Pitten/Krings, Adams und Bädorf, sowie Röttgen, wo man neben den frisch geschnittenen Wurst- und Käsescheiben, Zucker und Mehl in Tüten, auch einzelne Bonbons, Schokoladenstücke, Kaugummis, Zigaretten der Marke „Overstolz und Eckstein“ auch Glühbirnen, einzelne Zigarren und Zigarillos, Lampen und kleinere Teile an Küchen- und Elektrozubehör kaufen konnte.
Es gab den Laden von Herrn Schiffer, in dem Obst, Gemüse und Blumen angeboten wurde (er hatte eine eigene Gärtnerei) und das „Fahrradgeschäft“ von Alois Gilltges, in dem man nicht nur ein Fahrrad nebst Zubehör kaufen – und reparieren lassen – konnte, sondern es gab in diesem Geschäft (für uns Kinder wichtig) auch Batterien und Taschenlampen sowie eine mittels Handpumpe betriebene „Tankstelle“ zum Betanken von Zweitaktbetriebenen Mopeds.
Anmerkung: Ist es nicht komisch, dass gerade der Name „Schiffer“ in der Eifel (ohne Wasserwege oder anderen Bezug zur Seefahrt) so häufig vorkommt? Damals gab es gleich drei Familien mit diesem Namen in Satzvey. Ich habe dieses einmal recherchiert und festgestellt, dass sich der Name Schiffer von dem Eifler Ausdruck für Schäfer ableitet – und das gib dann wiederum einen Sinn…
Nach meiner Erinnerung besaßen zu dieser Zeit nur ganz wenige Familien in Satzvey ein Auto: Die gräfliche Familie, die zwei Familien Sporkenbach (die Gattin von Dr. Hans Sporkenbach ließ sich noch mit „Frau Doktor“ anreden) , unsere Ärztin, Frau Dr. Zander (den alten Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen „Paula“) und der Schmied, Herr Röttgen, genannt: Der „Schmött“.
Es gab in Satzvey eine Schreinerei Breuer und eine Namens Hilger und jetzt das (nicht für uns Kinder) Wichtigste: Es gab in Satzvey f ü n f Gaststätten: Waßenhoven/Schmitz, Hilger (nachher Zimmermann), Swertz (hinter der Veybachbrücke vor dem Bahnhof), Müller (im Bahnhof, die nicht gerade den besten Ruf hatte) und die größte Wirtschaft, direkt gegenüber vom Marktplatz: Die Gaststätte von Herbert Graf. Diese hatte neben dem Kneipenbetrieb eine Kegelbahn und einen Tanzsaal, in dem – nachdem sie im Krieg und einige Jahre nach Kriegsende als Notunterkunft genutzt worden war – zu Kirmes und Karneval Tanzveranstaltungen stattfanden und nach dem St. Martinszug wurden hier die Martinswecken an uns Kinder verteilt. Hinterher fand dann noch eine Verlosung statt, bei der man sogar eine (noch lebende) Gans gewinnen konnte. Nach meinem Wissensstand wurde die gewonnene Gans aber nie geschlachtet, sondern bekam bei einem der fünf örtlichen Bauern ihr Gnadenbrot (in Form von Weizenkörnern).
Anmerkung: Den St. Martin hat in Satzvey über viele Jahre hinweg „Böschels Klimm“ (Clemens Röttgen) dargestellt.
Das allerwichtigste Geschäft für uns Kinder war aber direkt neben der Gaststätte Graf zu finden: Die Bäckerei von „Huthmachers Jupp“, dem Bäckermeister Joseph Huthmacher, einem sehr angesehenen Mann, der jahrzehntelang Vorsitzender des SSC Satzvey war, Brudermeister der St. Micheals-Bruderschaft und (mit Zylinder) Vorbeter bei der Fronleichnamsprozession. Nach seinem eigenen Bekunden hat er einmal eine Auszeichnung erhalten für die besten Amerikaner (Teiggebäck) in ganz Deutschland. Das kann ich nicht (mittels Unterlagen) bekunden, aber ich persönlich gestehe gerne, dass die Amerikaner, die Herr Huthmacher (mit seinem Gesellen Manfred Tambour) gebacken hat, die aller-leckersten waren, die ich in meinem Kinderleben (und auch später) jemals gekostet habe! Im Sommer gab es in der Bäckerei auch Eis (eine Kugel für einen Groschen) und wir Kinder bekamen zuweilen, wenn seine strenge Gattin nicht im Laden war, von Herrn Huthmacher sogar zwei Eiskugeln für unseren Groschen anstatt nur einer! Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er selbst in den hohen Neunzigern mit seiner polnischen Pflegerin (mit Rollator, Urinflasche und Katheder ausgerüstet) bis zur Panzerstraße „wandert“ und (ohne Brille) jeden bereits aus fast 50 m Entfernung begrüßt. Er möge in Frieden ruhen (und ich glaube ich weiß, wem er dort, wo er jetzt ist, nicht unbedingt wieder begegnen möchte…)!
Es fallen mir noch weitere Geschäfte in Satzvey ein: Die Schneiderei des Meisters Rick, die Schuhmacherei von Meister Teister (reimt sich sogar…), der Bauunternehmer Emil Blindert, die Änderungsschneiderin Agnes Wiesen und den Busunternehmer Laschke, der mit einem Kleinbus begann (auf den jährlichen Pilgerfahrten nach Kevelaer mussten wir bisweilen aussteigen und anschieben) und sich im Laufe der Jahre ein Imperium mit einer Busflotte, Autowerkstatt und Reisebüro geschaffen hat. Es gab in Satzvey eine Fahrschule (Schmitz), ein Postamt und (zeitweise) sogar eine Filiale der Volksbank. Für Elektro- und Installationsarbeiten wusste man, an wen man sich wenden musste. Donnerstags (oder war es freitags?) kam ein Fischhändler direkt vor die Haustüre (man hatte ja noch keinen Kühlschrank), Milch und Eier bezog man direkt vom Bauern und Kartoffeln, Obst und Gemüse erntete (fast) jeder in seinem eigenen Garten.
Eine weitere Anmerkung: Wir hatten in Satzvey sogar unseren eigenen Nachrichtensprecher: Wenn etwas Besonderes zu verkünden war (ein Gemeindebeschluss, eine Wahlbenachrichtigung etc.) erwartete uns sonntags nach dem Hochamt am Pfarrplatz ein Trommelwirbel. Der kam von unserem Gemeindediener, Johann Eschweiler („Jippe Hannes“), der nach seinem Trommelwirbel die betreffende Nachricht vorlas, immer beginnend mit „Bekammachung“. Ob er, der sehr schwerhörig war, selber verstand, was er uns verkündete, wage ich ernsthaft zu bezweifeln… (Er war zudem auch jemand, der mit einer Weidenrute eine Wasserquelle aufspüren und die drei Glocken unserer Kirche - bei besonderen Anlässen – ganz charakteristisch (ich kann es nicht anders beschreiben) läuten konnte, was unseren älteren Dorfbewohnern sicher noch als „beiern“ bekannt ist.)
Abends ging ich mit der leeren Milchkanne zum Bauernhof meiner Tante und holte dort 1 ½ Liter noch kuhwarme Milch ab und, nach zwei Fehlversuchen, die so ziemlich unangenehm waren, hatte ich den Trick raus, wie man eine volle Milchkanne ohne Deckel verlustfrei mehrmals mit ausgestreckten Armen um den Kopf schwenken konnte. Auf dem Heimweg aß ich dann immer einen Apfel meiner Tante, der so viel besser schmeckte, als die Äpfel aus unserem Garten.
Anmerkung: Erst viel später erfuhr ich, dass meine Mutter ab und zu Äpfel aus unserem Garten (die mir bekanntlich nicht schmeckten) zu ihrer Schwester brachte, von der ich sie mit großem Genuss nahm und verzehrte…
Auch ohne Internet und Satzvey-App funktionierte die Hilfe der Dorfbewohner untereinander hervorragend (hauptsächlich durch Mundpropaganda). Einen Handwerker engagierte man in der Kneipe, wenn jemand Gras aussähte, lieh man sich zum Feststampfen des Bodens von Fritz Klose eine Eisenwalze, die mit Wasser befüllt wurde, wollte man Sauerkraut „enmache“ (dazu hatte damals jeder einen großen Steintopf und wenn ich das Wort „Fermentieren“ verwendet hätte, dann hätte man mir gesagt, dass ich „wie immer alles besser wissen wolle“), lieh man sich von der Familie Strecke einen Gemüsehobel („en Kappesschaaf“), wollte man zu Ostern oder zu einer Kinderkommunion ein Lamm backen, wusste man sich an die Familie Weber zu wenden, die einem gerne die dafür erforderlichen Backformen auslieh – und so gibt es sicherlich noch viele ähnliche Beispiele dafür, dass man sich ohne große Worte zu verlieren untereinander aushalf!
Ja, man (die Frauen) waren auch gerne einmal dazu bereit, einer kranken (oder kurz vor der Niederkunft stehenden) Nachbarin beim Putzen und Waschen auszuhelfen.
„Waschen“ ist ein Stichwort, das noch einer längeren Erklärung bedarf!
Zur damaligen Zeit waren vielleicht eine „Handvoll“ (meist unverheiratete) Frauen aus Satzvey (im heutigen Sinne) berufstätig, wohingegen die Hausfrauen und Mütter voll und ganz mit den alltäglichen Hausarbeiten ausgelastet waren. Die im Ort beschäftigten Männer (Bauern, Handwerker, Sporkenbach) wollten um 12:00 Uhr ihr Essen auf dem Tisch haben; und es gab noch keine Elektrogeräte, so wie man sie heute kennt. Für die Wäsche musste man damals einen ganzen Tag einplanen: Den sogenannten Waschtag!
Zunächst wurde die Wäsche in einem Wäschebottich („et‘ Pännche“) über Holzfeuer in Lauge eingeweicht, danach in eine Wanne aus Zink („Waschbütt“) gefüllt und dort mit Kernseife und Wasser mittels eine Handbürste auf dem Waschbrett „geschrubbt“. Nach dem Ausspülen wurde sie mit der Hand ausgewrungen in danach in der Sonne (entweder auf der „Bleiche“ oder an der Wäscheleine) getrocknet. Die Bügeleisen mussten anfangs noch auf der Herdplatte aufgeheizt werden; später gab es dann elektrische Bügeleisen, die mit Stecker und Elektroschnur an die Küchenlampe angeschlossen wurden.
Man kann sich leicht vorstellen, dass eine Hausfrau mit ihrer Wäsche den gesamten Tag über beansprucht war; deshalb wurde in den meisten Haushalten für diesen Tag ein Eintopfgericht vorgekocht – Erbsensuppe oder „Sauerkraut untereinander“ (Sauerkraut mit Püree und Würstchen oder Speck ; meine Tante kochte sogar das Sauerkraut immer zusammen mit weißen Bohnen ) .
Anmerkung: Für das „samstägliche“ Bad hatte man in der Waschküche eine zinkene Badewanne (eine Form, die eher an einen Sarg erinnerte), für die man das Warmwasser ebenfalls in dem Wäschebottich erhitzte. Als Einzelkind hatte ich das Glück, dass ich nicht mein Badewasser mit mehreren Geschwistern teilen musste…
Es war nun also das Jahr 1956: Wir wohnten auf der Josefshöhe und ich sollte eingeschult werden. Auf der Grubenseite standen auf der Josefshöhe sieben Häuser, vornehmlich schon vor dem Krieg erbaut und unzerstört. Auf „unserer“ Seite standen drei neu gebaute Häuser und eine Baracke. (Da unser Haus als einziges rote Dachziegel hatte, sagte ich als Kind, wenn ich gefragt wurde, wo ich wohne, voller Stolz: „Ich wohne in dem Haus mit dem roten Dach“.)
Anmerkung: Sinnigerweise hatten meine Eltern beim Hausbau eine innenliegende Toilette vorgesehen, was damals noch keine Selbstverständlichkeit war. Andere Bauherren haben sogar zu dieser Zeit noch mehr Wert auf einen Hauswirtschaftsraum gelegt und ihre Toilette außerhalb angebracht. Die älteren Häuser im Dorf hatten ohnehin (fast) ausschließlich ihre Toiletten auf dem Hof.
Die „Katholische Volksschule Satzvey“ bestand aus zwei nebeneinander liegenden Gebäuden: Die alte Schule, mit Efeu bewachsen, stand direkt gegenüber dem Pfarrhaus; ungefähr dort, wo heute die sechs Parkplätze vor dem Dorfplatz sind.
Dort unterrichtete „Frollein“ Katharina Grandrath das erste bis dritte Schuljahr. Sie war eine äußerst gottesfürchtige Person und ich erinnere mich sehr gut daran, dass wir bei ihr sehr viel gebetet haben (vor- und nach jeder Stunde; mittags den Angelus und – wenn sie ab und zu in der Nacht ihre „Marienerscheinungen“ hatte, auch schon mal einen ganzen Rosenkranz). Ob unsere (wenigen) evangelischen Mitschüler mit-beten, oder in dieser Zeit Rechenaufgaben lösen mussten, weiß ich heute nicht mehr, aber manche, meiner früheren Mitschüler sind der festen Überzeugung, dass sie in den ersten drei Schuljahren ausreichend oft für ihr gesamtes Leben gebetet haben.
In dem gerade fertiggestellten Anbau unterrichtete der Lehrer Fritsch (ab ca. 1960 Herr Keller, der – bei seinem Vorgänger unvorstellbar – mit uns „Pänz“ ab und zu sogar Fußball spielte) die Schuljahre vier bis acht.
Meine Einschulung war recht unkompliziert: Mutter wechselte von der Kittelschürze zum Sonntagskleid und „übergab“ mich ohne viel Worte und Aufsehen an das „Frollein“.
Anmerkung: Ich wohne heute gegenüber einer Grundschule und kann gut beobachten, wie der erste Schultag heutzutage abläuft: Da kommen neben den Eltern, Oma und Opa noch die Paten und Geschwister mit zur Einschulung und manche Mütter sind so gekleidet, als wäre ihr Gatte gerade eben erst zum Schützenkönig gekrönt worden.
In meinem Jahrgang (1949) waren wir sechs Schüler: ein Mädchen und fünf Jungen! Unser „Dorffotograf“, Ernst Osterspey, machte von jedem von uns ein Foto, wobei die rote Schultüte der Marlene B. – die als einzige von uns „so ein Ding hatte“ – fürs Foto von einem „I-Dötzchen“ zum anderen wanderte…
Anmerkung: Neben dem Amtsgebäude gab es am Marktplatz auch noch einen Neubau: Ein Übergangsheim für Heimatvertriebene; das „Flüchtlingsheim“. Von dort bekamen wir manchmal einen neuen Mitschüler, der aber in den meisten Fällen bereits nach wenigen Monaten mit seinen Eltern wieder aus Satzvey wegzog. Zu Jahresbeginn wurden wir regelmäßig befragt, ob (oder nicht) wir (unsere Eltern) Flüchtlinge seien. Da mein Vater (als Schwabe) weder Eifler Platt sprach, noch katholisch war (wie die Eltern meiner anderen Klassenkameraden), musste ich einfach ein Flüchtling sein, so dachte ich und habe bei jeder Abfrage ganz selbstverständlich meinen Arm erhoben.
Die zweigleisige Volksschule hatte für mein Empfinden nicht nur Nachteile. Wenn ein aufgeweckter Schüler des ersten Schuljahres mit seinen Aufgaben fertig war, konnte er dem Unterrichtsstoff von Schuljahr zwei und drei folgen und war damit seinen Klassenkameraden etwas voraus.
Und jetzt komme ich endlich zu dem Thema, auf das mein Titel „Der Schulzahnarzt“ eigentlich hindeutet!
Selten, ich denke kaum einmal pro Jahr, hatten wir Schulkinder schon Angst, bevor wir das Schulgebäude betraten: Denn vor der Schule parkte bereits morgens, vor Schulbeginn, so ein komisches weißes Auto! Heute würden wir sagen, es sehe ungefähr so aus, wie ein mittelgroßes Wohnmobil, doch dahinter „verbarg“ sich die mobile Praxis des Schulzahnarztes, die von Herrn Medizinalrat Jansen!
Vor ihm mussten wir uns – vor dem Schulbeginn – in einer Reihe aufstellen und, wenn wir dann „dran waren“, mussten wir den Mund aufsperren und – wie beim Pferdehändler – unsere Zähne betrachten lassen. Danach wurden wir in zwei Reihen aussortiert: rechts und links, Gut und Böse, Jing und Jang…
Die Einen atmeten erleichtert auf – und die Anderen (oft die Mehrzahl) – bekamen für den Nachmittag einen Behandlungstermin vorgegeben.
Hierzu zwei Anmerkungen: Damals bekam man bei einer Zahnbehandlung keine Spritze zur Lokalbetäubung, sondern der Arzt benutzte Lachgas, was lustiger klingt, als es in der Tat war und er arbeitete mit einem Bohrer, der Geräusche von sich gab, die man heutzutage eher auf einer Baustelle vermutet…
Die Zahnhygiene von damals ist kaum mit der von heute zu vergleichen. Wir hatten zwar alle (so wie ich) eine Zahnbürste, mit der wir uns morgens und abends (am Waschbecken in der Küche und natürlich mit „Blendax“) die Zähne putzten, aber in manchen Familien (meistens in denen mit vielen Kindern) war ein Hauptbestandteil der Ernährung „ein Butterbrot mit Rübenkraut“ und Kleinkinder beruhigte man gerne, indem man den Schnuller („Nüggel“) (im Mund) anfeuchtete und in den Zuckertopf „zoppte“. Dementsprechend war der Zuckerkonsum relativ groß – und der Zustand der Kinderzähne relativ schlecht!!!
So stand ich nun als Siebenjähriger in der Reihe zur „Zahnbeschau“ – und ich hatte einen „Wackelkandidaten“, einen Milchzahn (unten, links Nr. 1), der vom Medizinmann prompt entdeckt wurde. Der zögerte auch nicht lange und nach einigen, wenigen Wacklern präsente er ihn mir und der gesamten Klasse. Das ganze Prozedere hatte gar nicht wehgetan, aber da war ja noch der Überraschungseffekt: Als ich (vor Schreck) einen Finger in den Mund steckte und diesen dann voll mit eigenem Blut wieder herauszog, habe ich mich so sehr erschrocken, dass ich heftig zu weinen begann. Nach einer (geschätzten) Reaktionszeit von maximal zwei Sekunden hat der Medizinalrat mir daraufhin eine derartig heftige Ohrfeige verpasst, dass ich nun – vor Schmerzen – erst richtig zu weinen begann. Und der Schmerz war hierbei noch nicht einmal das Entscheidende: Der Medizinalrat (der Leser merkt vielleicht, dass dieses Wort bei mir inzwischen zu einem Schimpfwort mutiert ist) hatte mich ganz tief in meiner kleine Seele getroffen! Er hatte mich vor allen Mitschülern blamiert! Und in einigen Klassen gab es Mitschüler, die zwar drei Jahre älter, aber nur eine Klasse über mir waren, und diese freuten sich ganz besonders, einmal nicht selber im Fokus zu stehen und haben mich ganz hämisch ausgelacht. Nach Schulschluss schlich ich mich mit geröteter Wange (und verheulten Augen) zum Mittagessen nach Hause und verhielt mich völlig unauffällig, denn ich habe mich nicht getraut, den Vorfall zu erwähnen. Wusste ich doch, dass wenn immer ich in der Schule auf irgendeine Weise auffällig geworden war, dann gab es zuhause noch einen „Nachschlag“, auf den ich in diesem Falle gerne verzichtete…
Aber ein Gedanke ging mir in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Kopf: ICH WERDE MICH FÜRCHTERLICH RÄCHEN! Wenn ich einmal erwachsen bin, werde ich dem Med. seine Ohrfeige „zurückgeben“ und ihm sagen: „Das ist für damals, als ich ein Kind war und mich nicht wehren konnte!“
Und die Zeit verging: Ich kam aufs Gymnasium und mein „Freund“ der Med., begleitete mich noch für einige Zeit weiter. Sein Sohn war einer meiner Klassenkameraden (sogar unser Klassensprecher) und sein Vater (der offensichtlich gerne im Mittelpunkt stand) war sowohl unser Klassen- als auch der Schulpflegschaftsvorsitzende des Emil-Fischer-Gymnasiums in Euskirchen.
Und die Zeit rann weiter: Ich verließ das Gymnasium nach der Mittleren Reife, vollendete eine Lehre, besuchte ein Abendgymnasium und beendete erfolgreich ein Studium. Über zwei Umwege fand ich meinen „Traumberuf“, der mich forderte und ausfüllte, gründete eine Familie (mit drei Kindern) und zog in Satzvey in ein eigenes Haus.
Aber ein Gedanke blieb: Er wird kommen! „Dies irae – dies illa“ (wie ich aus der Katholischen Trauerliturgie kenne) – er würde kommen: Jener Tag – der Tag der Rache! Und eine Bibelstelle passte fast noch besser auf meine Situation: „Auge um Auge – Zahn um Zahn!“ Und obwohl viele andere Sachen wichtiger waren wusste ich: Wenn ich ihn sehe, schlage ich ihm einen Zahn aus und sage: „ Das ist für damals, als ich ein Kind war!“ Und, das hatte ich mir als juristischer Laie überlegt: Ich habe mir in meinem bisherigen Leben niemals etwas zuschulden kommen lassen. Deshalb werde ich wohl wegen Körperverletzung vor Gericht kommen und vielleicht mit 500 (oder 1000) DM Buß-/Schmerzensgeld bestraft! Und das wäre mir meine Rache wert!!! Doch, ich hatte zu dieser Lebenszeit andere Prioritäten, die mir weit wichtiger waren, aber – mehr durch Zufall (diverse Zeitungsartikel) – wurde ich wieder mit diesem Thema konfrontiert. Mein ehemaliger Mitschüler hatte inzwischen (im Gegensatz zu seinem Vater) promoviert und eine Praxis für Allgemeinmedizin eröffnet. Dort hatte er gemeinsam mit einem befreundeten Apotheker eine „Wunderpille“ entwickelt, der ich persönlich aber lieber den Namen „Verlustpille“ verleihen würde, denn:
- Patienten (sogar aus dem benachbarten Ausland) verloren mithilfe dieser Pille (ohne zu hungern oder Sport zu betreiben) deutlich an Gewicht,
- leider aber auch einige von ihnen das Leben.
- Der Verursacher des Ganzen daraufhin seine Approbation als Arzt,
- und für einige Zeit sogar seine Freiheit.
Das Geschehene tat mir für ihn sehr leid, da ich mit ihm persönlich immer gut ausgekommen bin – aber ich dachte nun wieder intensiver an seinen Vater und was ich mit ihm noch „zu regeln hatte“.
Aber es kam dann doch alles ganz anders: Der Sohn, aus dem Gefängnis entlassen und nunmehr ohne Patienten behandeln zu dürfen, verdiente seinen Lebensunterhalt für einige Zeit als Taxifahrer und hatte seinen Standplatz am Bahnhof Euskirchen. Und dort – inzwischen war ich selber bereits in den 40er Jahren – traf ich seinen Vater, meinen Feind!!!
Er, der inzwischen pensionierte (und sicherlich) hochdekorierte – nach meiner Lebenserfahrung sind „solche Menschen“ die idealen Kandidaten für die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes – (Ober?) Medizinalrat drehte sich um und schaute mir direkt in die Augen. Aber, wen wundert es – im Gegensatz zu mir – erkannte er mich nicht; er, ein inzwischen alter gebrechlicher Mann, in dessen Gesicht das Leben sehr deutliche Spuren hinterlassen hatte!
Und ich drehte mich um und ging meiner Wege und ich hatte meine innere Ruhe – und endlich wieder den Frieden mit mir und der Welt – gefunden.
Fußballspielen in Satzvey: Mitte der 50er bis Anfang der 60er Jahre | Otmar Egeler
Vorbemerkung: Bitte erwartet von mir im Nachfolgenden keine historisch-fundierte Geschichten aus dem „alten Satzvey“, sondern lediglich Erzählungen, wie sich das Spielen – und hier vor allem das Fußballspielen – aus der Sicht eines damals sechs- bis zehnjährigen Dorfjungen in Satzvey darstellte.
Meine Eltern zogen 1955 mit mir als (knapp) Sechsjährigen nach Satzvey auf die Josefshöhe. Direkt gegenüber unserem Garten, wo heute die „Firmenicher Straße“ indie Straße „Auf der Stehle“ abbiegt, standen damals noch keine Häuser. Dort war – wie man uns sagte – der „alte Sportplatz“ – der aber lediglich noch durch ein rechteckiges Grasfeld zu erkennen war. Dem ganzen Anschein nach, war er aber schon seit einiger Zeit nicht mehr im Gebrauch.
Interessanter für uns Kinder war daneben aber ein Gebüsch mit einigen Bäumen, wo wir „Tarzan“ oder „Cowboy und Indianer“ spielen konnten.
Anmerkung: Das Tarzan-Spielen wurde mir sehr schnell verleidet, nachdem ich mich von einer „Liane“ (Hanfseil meines Vaters) abgeseilt hatte und feststellen musste, dass der „echte Tarzan“ bei seinen Aktionen wohl Handschuhe getragen hatte, denn ich hatte mir bei der meinigen fürchterlich die Handflächen verbrannt.
Ob zu dieser Zeit unser jetziger Sportplatz schon fertig – oder noch im Bau – war, weiß ich nicht. Aber zu meiner Kinderkommunion (1957) – und das weiß ich mit Sicherheit – gab es ihn schon. Und: Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, war der ursprüngliche Belag schwarz und nicht braun-rot, wie heute! Doch, in der Zeit davor, brauchten wir ohnehin keinen Fußballplatz! Wir Jungen trafen uns (ohne Absprache) auf dem Marktplatz vor dem Amt Satzvey. Dieser war damals – wie die meisten Straßen im Dorf – noch nicht asphaltiert.
Anmerkung: Das Amt Satzvey hatte zu dieser Zeit noch eine wichtige Bedeutung. Bürger aus Antweiler, Wachendorf, Enzen u.a. mussten zur Standesamtlichen Trauung, Passausstellung etc. zum Amt Satzvey kommen und, sie konnten (vor meiner Zeit) hierzu sogar mit der Kreisbahn nach Satzvey anreisen. Mitte der 50er Jahre gab es zumindest noch den Bahndamm und die zugehörigen Gleise.
Aber zurück, zum Fußballspiel!
Gespielt wurde auf ein Tor, wobei zwei Mützen als Torpfosten dienten. Als Ball benutzten wir alles, wo gegen man treten konnte: Mal ein Plastik-, mal ein Gummiball und zuweilen auch mal ein Ball, in dem nur noch wenig Luft war! Aber unseren Spaß hatten wir trotzdem!
Die beiden Größten von uns Kindern durften wechselweise ihre Mitspieler auswählen; schlimm für diejenigen, die erst zum Schluss drankamen! Der Unsportlichste (meistens auch Dickste) durfte / musste das Tor hüten. Wichtig war: Bevor das Spiel losging, gab man sich den Namen eines bekannten Nationalspielers. Am beliebtesten waren zu unserer Zeit Helmut Rahn und Fritz Walter (die Aufstellung der 54er Weltmeisterelf konnte ohnehin jeder von uns aus dem Kopf aufsagen…).
Da niemand von uns eine Uhr dabei hatte (an unserer Pfarrkirche haben wir bekanntlich bis heute keine) und die Älteren von uns, die von ihrem Paten eine zur Kommunion geschenkt bekommen hatten, diese nur sonntags zum Kirchgang anziehen durften, endete ein Spiel, sobald eine Mannschaft drei oder fünf Tore geschossen hatte.
Anmerkung: Beim Spiel auf nur ein Tor wäre ja ein Eckball kein Vorteil für nur eine Mannschaft gewesen. Deshalb spielten wir ohne „Ecke“ und für drei nicht gegebene Eckbälle bekam die betreffende Mannschaft einen Elfmeter zugesprochen. Manchmal spricht ein Fußballreporter bei einer TV-Übertragung auch heute noch – wenn eine Mannschaft mehrere Eckbälle hintereinander erzielt - von „drei Ecken ein Elfer“, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass den meisten von ihnen der wahre Hintergrund dieses Spruches bekannt ist!
Manchmal spielten wir auch „Oberdorf gegen Unterdorf“, aber es kam nicht sehr häufig vor, dass die beiden Dorfteile sich „pari pari“ auf dem Marktplatz trafen.
Und, jetzt gehen wir in der Zeit zwei bis drei Jahre voraus: Der neue Sportplatz war inzwischen fertiggestellt; wahrscheinlich von Pastor Joseph Esch mit Weihwasser und Weihrauch reichlich gesegnet und geweiht! Und wir waren jetzt in einem Alter (acht bis knapp zehn Jahre), in dem man in den SSC Satzvey eintreten und in der „Siebenermannschaft“ (D-Jugend = U11) mitspielen durfte.
Im Prinzip hatten sich für mich nur wenige markante Fakten verändert: Meine Mutter hatte mir von Karl L. ein Paar gebrauchte Fußballschuhe besorgt (entweder geschenkt oder für einige, wenige DM); Marke Hummels und mir wenigstens zwei Nummern zu groß (man konnte die Spitzen ja mit Watte ausstopfen). Sie hatten Stahlkappen, mit denen man ein Loch in ein Brett hätte treten können, aber wir haben damals ja fast eh nur mit der Picke geschossen… Nach meiner Erinnerung hatten sie sechs oder sieben Lederstollen, die bei Bedarf vom Schumacher-Meister Teister erneuert (d. h. unter die Sohle genagelt) werden mussten. (Problem: Je nach Abnutzung der Sohle auf der Innenseite kamen manchmal die Nagelspitzen etwas durch…)
Wir „Jungfußballer“ gingen übrigens – mangels Umkleide- oder Duschkabinen – in unseren Fußballschuhen und unseren (von der Mutter gewaschenen) Trikots (schwarz-weiß mit Kragen und Schnürbündchen, wie die 54-Weltmeister) zu einem angesetzten Fußballspiel (Schienbeinschoner kannten wir damals noch nicht, dafür hatten einige der älteren Mannschaftskameraden einen Plastikkamm unter ihren Stutzen verborgen; denn man wollte doch trotz aller Anstrengung schließlich immer adrett aussehen!) .
Der Betreuer der gegnerischen Mannschaft fungierte jeweils als Schiedsrichter, was manchen Protest der Zuschauer zur Folge hatte… Die reicheren von uns hatten damals schon einen Trainingsanzug (mit V-Kragen und einem Gummibündchen am Fuß). Natürlich fuhren wir auch zu einem nahen Auswärtsspiel (Firmenich oder Lessenich) in unserer Kluft mit dem Fahrrad und wer keins hatte, der saß bei seinem Mannschaftskollegen auf dem Gepäckträger.
Anmerkung: Mich hat unser damaliger „Dorf-Sheriff“, Herr Ruch, der noch mit Stiefel, Reiterhose und Moped ausgestattet war, dabei einmal erwischt. Statt eines „Knöllchens“ durfte ich ihm sonntags einen Aufsatz abliefern mit dem Titel „Das Verhalten auf einsitzigem Fahrrad“.
Die für uns, als SSC-Mitglieder aber entscheidende Veränderung aber war: Wir hatten jetzt den Anspruch darauf, uns bei Herrn Greuel („Kaue Franz“) – für mich ein uralter Mann von knapp über 40 (er war für den SSC als Platz- und Materialwart zuständig), einen „handgenähten“ Lederball auszuleihen. Ich denke, der Sportclub besaß zu der Zeit insgesamt weniger als 10 Fußbälle…
Anmerkung: Manche der alt eingesessenen Satzveyer Familien “firmierten“ im Dorf noch unter ihren alten Flurnamen (Stammsitz der betreffenden Familie) so wie z. B. Greuel = Kaue; Röttgen = Böschel; Eschweiler = Jeppe und Hilger = Trenge (hier bin ich mir aber nicht mehr so sicher). Diese Eigenart wurde aber nicht mehr auf die nachfolgende (meine) Generation übertragen.Herr Greuel händigte einem von uns Jungs einen (meist den ältesten) Lederball „auf Treu und Glauben“ aus. Dieser Junge war dann auch verantwortlich dafür, dass der Ball anschließend wieder sauber, voll aufgepumpt und – wenn wir im Regen oder im Schnee gespielt hatten – zudem eingefettet wieder zurückgegeben wurde. (Diesbezüglich habe ich mich dann manchmal am Schmalztopf meiner Mutter heimlich bedient).
Wir spielten dann auf dem neuen Sportplatz, wenn wir ausreichend viele Spieler zusammenbekamen, wieder – wie auf dem Marktplatz – (und auch mit den gleichen Regeln) auf ein Tor: Das untere, dem Dorf zugewandte! Das ist wichtig zu wissen, denn wir bekamen zwar Bälle, aber die Tornetze wurden nur sonntags, zum Spiel der Ersten Mannschaft aufgehängt.Zu dieser Zeit aber gab es hinter dem Tor weder einen Drahtzaun noch einen Ballfang (wie heute).
Nein! Hinter diesem Tor wuchs eine riesige Brombeerhecke und man kann sich leicht vorstellen, was leider sehr häufig geschah: Wenn der Ball nun entweder ins, oder neben das Tor geschossen wurde, benötigten wir bisweilen viel mehr Zeit, um nach dem Ball zu suchen als für die eigentliche Spielzeit. Nach dem Spielen sind wir dann abends nicht selten (zur Freude unserer Mütter) mit zerrissenen Hemden und zerkratzten Armen nach Hause gekommen.
Eine weiter („geschätzte“) Verletzungsquelle war der sehr raue Bodenbelag. Wenn man beim Spiel einmal grätschte – oder unglücklich ausrutschte – schürfte man sich die Haut am Knie oder an den Oberschenkeln so auf, dass man an dieser Stelle eine (meist handflächengroße) offene, blutende Wunde hatte. Wir nannten das einen „Riefkooche“ (Reibekuchen), an dem die lange Sonntagshose, beim Wechsel nach dem Kirchgang bisweilen festklebte…
Waren wir manchmal aber nur so wenig Spieler auf dem Platz (drei bis fünf), dass sich ein Match nicht lohnte, dann spielten wir meistens ein ganz besonderes Spiel namens „Pensio“ (steht als Abkürzung für „Pensionieren“). Hierfür wurde zunächst eine Reihenfolge ausgelost, nach der die Spieler antreten mussten. (Wir Kleineren schossen meist vom Elfer und die Großen von der Strafraumgrenze, dem Sechzehner.) Nun ging der Erste ins Tor und der Zweite musste schießen. Traf er ins Tor, dann war der Dritte mit Schießen dran und wenn dieser kein Tor erzielte, musste er ins Tor und der nächste in der Reihenfolge schoss. Und so ging es in der gewählten Reihenfolge immer weiter, bis ein Mitspieler die Anzahl an Toren kassiert hatte, die man zu Beginn als Limit festgelegt hatte. Er schied dann aus dem Wettbewerb aus und war somit (auf gut Satzveyer Platt): „pangsioniert“! Wir kannten zwar kein Training im heutigen Sinne, aber zur Verbesserung unserer Schusstechnik waren diese Übungen bestimmt auch nicht so ganz verkehrt!
War es im Sommer beim Fußballspielen einmal besonders heiß (in meiner Erinnerung hatten wir in der Kindheit ausschließlich heiße Sommer) und wir waren vom Laufen und Schießen sehr durstig, dann hat die liebe Frau Schimkat, die bis vor wenigen Jahren noch neben dem Sportplatz gewohnt hat, uns eine Wanne aus Zink (eine kleine „Waschbütt“) mit Wasser gefüllt nebst einer Schöpfkelle vor die Türe gestellt, so dass wir unseren Durst stillen konnten (dafür bin ich ihr noch heute dankbar!).
Hierzu sollte man wissen: Der Getränkemarkt, in dem sich die Kinder heutzutage etwas zum Trinken besorgen können, den gab es zu „unserer Zeit“ noch nicht. Die Familie Meyer, die schon damals dort wohnte, hatte noch eine Schafszucht und das heutige Getränkelager war in seinem Ursprung ein Schafstall. Und richtig ist, dass keines von uns Kindern überhaupt das Geld gehabt hätte, um sich eine Limo oder Sprudel kaufen zu können.
Zu dieser Zeit (Anfang der 60er) hatte der SSC Satzvey (in meiner Erinnerung) drei Mannschaften:
- Die Siebener (D-Jugend = U11)
- Die A-Jugend (= U19) und
- Die Erste Mannschaft (unsere Senioren).
So sehr wir es auch gewollt hätten, aber die Spiele unserer Vorbilder, der Seniorenmannschaft, konnten wir leider nicht anschauen, denn die Erste Mannschaft spielte sonntags um 15:00 Uhr. Und wir Kinder (die meisten von uns wurden zu der Zeit noch streng katholisch erzogen) mussten jeden Sonntag um 14:30 Uhr in die Kirche, zu einer Andacht mit Christenlehre (die Amerikaner kennen etwas Ähnliches unter dem Namen „Sonntagsschule“). Für eine Nichtteilnahme mussten wir uns nach dem Hochamt bei Pastor Esch entschuldigen, wenn man z. B. mit seinen Eltern die Oma zum Geburtstag besuchen musste. Bei dieser „Christenlehre“ stellte der Pastor uns in der Kirche Fragen zur Bibel und zum Katechismus und die Eltern saßen auf den hinteren Bänken und beteten inbrünstig zu Gott, dass man sie vor dem Dorf nicht allzu sehr blamierte…
Anmerkung: In der Generation nach mir hat mal ein Junge auf die Frage des Pastors: „Welchen Beruf hatte der Apostel Lukas?“ voller Überzeugung geantwortet:“ Lokomotivführer!“ Diese „Story“ machte innerhalb weniger Tage die Runde im Dorf und lässt vermuten, dass zu dieser Zeit die Augsburger Puppenkiste bereits im Fernsehen gezeigt wurde…
Für mich persönlich war die Anfangszeit dieser Andacht aber noch aus einem anderen, viel wichtigeren Grund sehr ärgerlich! Sonntags um 15:00 Uhr strahlte der WDR regelmäßig ein Hörspiel aus, das ich wegen meiner (erzwungenen) „Frömmigkeit“ leider verpasste. (Hier ist es vielleicht wichtig zu wissen, dass meine Eltern sich erst spät – Mitte der 60er Jahre – einen Fernseher angeschafft haben!)
Nach der D-Jugend haben wir noch zwei Jahre lang in einer „Schülermannschaft“ (C-Jugend = U13) gespielt, bis der Verein seine Jugendmannschaft abmeldete: Wir bekamen ganz einfach die erforderliche Anzahl von 11 Spielern nicht mehr zusammen und waren zu manchen Spielen zu 10 oder gar nur zu 9 Spielern angereist! Als Konsequenz schlossen sich einige von uns den Firmenichern und andere wiederum den Lessenicher Fußballern an.
Mich hat es – vermittelt durch einen Klassenkameraden – schließlich nach Iversheim verschlagen, wo ich noch in der B- und A-Jugend spielte und meine Karriere als Fußballer, exakt an dem Tag meines 18. Geburtstages, mit einem komplizierten Mittelfußbruch beendete.
Im Jahre 1980 habe ich mich dann doch noch mal überreden lassen, beim Hallentraining der Alt-Herren-Mannschaft des SSC Satzvey mitzumachen. Das Ganze endete aber nach kurzer Zeit mit einem Achillessehnenriss. Und damit war für mich dann klar: Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Fußballspielen!
Und heute?
Heute gehe ich auf meinem morgendlichen Hundespaziergang regelmäßig bis zum Sportplatz, denn in der Woche ist ja das Weitergehen und somit das Betreten des Militärgeländes für Zivilisten verboten.
(Zu der Zeit, über die ich berichtet habe, war das noch nicht der Fall und man begegnete dort schon mal häufiger flämischen oder wallonischen Soldaten unserer belgischen „Besatzungsmacht“; aber das ist dann wieder ein anderes Thema…)
Und ich muss gestehen, dass ich mich bei meinen Spaziergängen (meine 76 Jahre alten Knochen und Gelenke „funktionieren“ leider nicht mehr so, wie ich es gerne hätte) für einige Minuten auf einer der Bänke am Sportplatz ausruhe und darüber „sinniere“, wie schnell die Zeit doch vergangen ist!
Ja: Vergil wusste es bereits: „Tempus fugit.“
…die Zeit flieht bzw. sie vergeht wie im Fluge!
Klapperkinder | Otmar Egeler
Von der Zeit der Gründonnerstag-Abendmesse bis zum Gottesdienst am frühen Ostermorgen war das Glockenläuten verboten (wahrscheinlich, weil man es in der Hauptsache mit freudigen Ereignissen verband und nicht mit der Leidenszeit Jesu). Und auch bei den Gottesdiensten wurde zum Beispiel beim Eingang des Priesters zum Altar oder bei der Wandlung nicht „gebimmelt“.
Uns Kindern sagte man, die Glocken seien nach Rom geflogen „zum Breiessen“.
Statt des Läutens wurde morgens, mittags und abends geklappert.
Aufstellung war am Marktplatz und voraus schritt ein etwas älterer Junge, der mit einer vor dem Bauch hängenden Ratsche den Takt (damals übrigens etwas langsamer als heute) angab. Dieses „Instrument“ wurde vom Schreinermeister Breuer (der auch Friedensrichter war und uns für ein paar Mark die Klappern herstellte) an die Klapperjungen (Mädchen und Messdienern war die Teilnahme untersagt) ausgeliehen.
Hinter dem Taktgeber folgen die übrigen Klapperjungen (damals ca. 20 bis 25) in Zweierreihen durch das Dorf und riefen morgens „Morjejlock“, einige Verwegene dann hinterher „Hau en opp de Kopp“, mittags „Mir lögge Meddach“ und abends „Ovendsjlock“.
Beendet wurde der Rundgang traditionell am ersten Burgturm, wo das Klappern so schön hallte.
[veröffentlich in der Satzvey-WhatsApp-Gruppe am 19. April 2025, redaktionell leicht überarbeitet; mit freundlicher Genehmigung von Otmar Egeler]